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© Anne Combaz

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© Anne Combaz

DAS DÉFILÉ FRÜHJAHR-SOMMER 2019
AUS DER PERSPEKTIVE DER SCHRIFTSTELLERIN ANNE BEREST

Wenn Kleidung als Objekt sowohl textlich als auch textil wahrgenommen wird, dann liegt es daran, dass die beiden Begriffe einen gemeinsamen etymologischen Ursprung haben, nämlich das lateinische Wort textilis – eine kleine Erinnerung daran, dass der Schuss eines Gewebes dem Erzählverlauf einer Geschichte entsprechen kann. Materialien können zum roten Faden einer Erzählung werden – die in der CHANEL by the sea Show verwendeten erzählen die Geschichte zu einer äußerst exakten Geste – die Bewegung des Ausziehens der Schuhe und das Barfußlaufen entlang des Meeres. Mit Farben so frisch und prickelnd wie rosafarbener Tau an einem Sommertag sind die Kleider ein Vehikel im chemischen Wortsinn: Sie sind flüchtig und übertragen somit Partikel von Momentaufnahmen.

Und plötzlich ertappen wir Zuschauer uns dabei, wie wir diesem eindeutigen und starken Verlangen nachgeben: die Hosenbeine hochzukrempeln um das Streicheln des Meeres an den Fesseln zu spüren. Diese noch so kleine Emotion entspricht nichts anderem als einem unendlichen Gefühl von Freiheit. Und dieses Gefühl weckt unzählige andere Erinnerungen: Das Mitternachtsbad und die Rückkehr von Partys am frühen Morgen, süße Cocktails mit fluoreszierenden Strohhalmen, die Reibung des Badeanzugs auf der nackten Haut – und die jungen Mädchen in Marcel Prousts Fantasie-Dorf Balbec, die die salzigen Lippen der Surfer aus Baja, Kalifornien, küssen, oder Gabrielle Chanel, die in Deauville ein Rendezvous mit ihrem Schicksal hat...

Das alles ist Karl. Mit jedem seiner Défilés ruft er eine klare Erinnerung wach. Er schaltet zwischen unserem Auge und den Kleidern verschiedene, sich überlagernde Zeitebenen ein, Momente, die wir gleichzeitige gelebt und erträumt haben oder solche, die nur in unserer Fantasie existierten. Er versetzt uns mit einer Geste, einem Objekt oder einer Kulisse, ähnlich einer Seelenwanderung, in eine Art Schwebezustand zwischen den Erinnerungen an die bereits vor uns gelebten Leben – und einer Vorahnung von denen, die folgen. Es liegt ihm fern zu verängstigen oder zu parodieren. Karl Lagerfeld bereitet den Frauen niemals Unbehagen, noch macht er sich lustig über sie – ganz im Gegenteil. Er begleitet sie, stattet sie mit Waffen aus, die ihr Selbstbewusstsein stärken – denn auch darauf beruht seine erstaunliche Modernität.

#CHANELByTheSea
#CHANELSpringSummer

© Anne Combaz


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