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Friday, April 24, 2015

ZWEI REBELLISCHE SEELEN,
FIGUREN DER MODERNE

„Außerordentlich intelligent“, so wurde Coco Chanel von Francis Poulenc gegenüber Marie-Laure de Noailles in den frühen 1930ern beschrieben, bevor die beiden Frauen sich schließlich persönlich trafen. Eine Eigenschaft, die auch die geistreiche Marie-Laure auszeichnete – und das war nicht ihre einzige Gemeinsamkeit.
Wahrheit und Dichtung prägten beide in ihrer Jugend. Gabrielle, ihrerseits, verbarg das Elend ihrer frühen Jahre und erdachte fortan eine Legende. Marie-Laure, die in einem hochgebildeten, privilegierten Umfeld, jedoch ohne Zuneigung aufwuchs, hatte eine einsame Kindheit als Abkömmling einer wohlhabenden deutschen Bankiersfamilie und einem französischen Adelsgeschlecht, das bis auf den berüchtigten Marquis de Sade zurückgeht. Ihre exzentrische Großmutter, die Comtesse de Chevigné, die Marcel Proust teilweise zur Madame de Guermantes inspirierte, sollte sich als wesentlicher Einfluss herausstellen.

Genau wie Gabrielle folgt auch Marie-Laure ihrem künstlerischen Instinkt. Das Hôtel particulier, das sie im Anschluss an ihre Hochzeit mit Charles de Noailles in Paris bezieht, beherbergte bereits eine beeindruckende Kunstsammlung an Werken von Delacroix über Rembrandt und Goya zu Rubens. Das Paar beauftragt den Designer Jean-Michel Frank mit der Neugestaltung der Innenräume – entblößte Räume von monastischen Ausmaßen, seltene Möbelstücke und einzigartige Materialien wie Stroh und Pergament in puristischen Formen. Dieser blanke Sinn für Ästhetik spiegelt sich auch in Marie-Laures Garderobe wider: Sie besaß 40 verschiedene Chanel Kostüme (die meisten davon laut Abbé Mugnier in Schwarz).

In ihrem ständigen Streben nach Verbesserung bevorzugt Coco Chanel als Designerin eine Harmonie der Linien und eine Vereinfachung des Kleidungsstücks, um mehr Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. Durch das Vereinen von Schönheit und Funktion erzeugt sie eine neue Modernität.

Gleichermaßen rebellisch und unangepasst genießt Marie-Laure es, zu provozieren. Als eine der Ersten, die die von Gabrielle mutig zur „Bekämpfung der Wirtschaftskrise“ präsentierten Schmuckdesigns salonfähig machten, trägt sie 1932 eine funkelnde Federbrosche in der Vogue.

Chanel revolutioniert die Mode. Marie-Laure, erst Muse und Förderin, später selbst Malerin und Schriftstellerin, trägt ihren Teil zur Kunstgeschichte bei und häuft gemeinsam mit ihrem Ehemann eine eindrucksvolle Sammlung aus Werken von Braque, Picasso, Balthus, Mondrian, Giacometti und Man Ray an. Ganz Paris ist bei dem Paar zu Gast und sie entdecken stets neue Talente, besonders unter den Surrealisten. Sie finanzieren Filmprojekte und unterstützen namhafte Komponisten wie Markevitch, Poulenc und Stravinsky …

Etwas diskreter in ihrer Rolle als Kunstförderin bietet Gabrielle Chanel dem russischen Komponisten und seiner Familie Unterschlupf in ihrer Villa in Garches. Bereits 1942 entwirft sie die Kostüme für Le Train Bleu, ein Ballett von Diaghilev, in dem ein Gemälde von Picasso verwendet wird, sowie für weitere Produktionen wie einen Film von Renoir. Sie unterhält enge Beziehungen zu den Poeten und Künstlern der Avantgarde, darunter Dalí, Nijinski und Visconti. Und Coco ist eng mit Cocteau befreundet, für den Marie-Laure ihr ganzes Leben lang Gefühle hegte … Marie-Laure ist eine hoffnungslose Romantikerin und Coco, die trotz ihrer epischen Liebschaften dazu bestimmt war, allein zu bleiben, gesteht: Eine Frau ist nichts ohne die Liebe.

Sophie Brauner

Marie-Laure de Noailles © Henri Martinie / Roger-Viollet

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