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Thursday, March 10, 2011

THE READY-TO-WEAR SHOW
BY ELISABETH QUIN

Stellen Sie sich das Grand Palais als eine postapokalyptische Landschaft vor, die einem lebensgroßen Gemälde von Anselm Kiefer oder einer fantastischen Vision von Michel Houellebecq während seiner Zeit auf Lanzarote gleicht.

Der Boden ist mit schwarzem Sand bestreut, der Laufsteg aus rohen Brettern gebildet. Skelettartige Bäume sind wie Schatten, Träume oder Erinnerungen rings um das Hauptschiff gemalt. Vom Boden her steigt Rauch auf. Alles ist sehr markant und befremdlich... und gleichermaßen beeindruckend, genau wie die beiden riesigen strahlend weißen Boxen, aus denen die Models wie lodernde Schattenspielfiguren auf die Bühne steigen.

An der von Karl Lagerfeld vorgestellten Prêt-à-Porter-Kollektion für Herbst-Winter 2011/12 war nichts Kraftloses, Romantisches oder gar Süßes zu finden. Sie war weder zart noch beschwichtigend. Die Stimmung, die Chanel hier in einzigartiger Weise elektrisiert hat, könnte eher als radikale, lässige, antibürgerliche Ader beschrieben werden.
Vorherrschend war der rebellische Look. Er bedient sich eines taffen, feindlichen Elements aus einer anderen Welt – das der Straßen, von Rock und Nachtleben – und verwandelt es in den frechen Schick eines burschikosen Mädchens auf dem Kriegspfad, einen hinreißenden, sehr sexy Typen. Die Eleganz des Looks hebt jede Anspielung auf die Klassik oder die Vorstellung von auf Stelzen watschelnden Frauen auf. Diese Outfits werden mit Frauen nach Hause gehen, die wissen, wie maskuline und feminine Vorbilder gegeneinander ausgespielt werden.

Ein Markenzeichen der Kollektion waren robuste Stiefel, wie sie seit 1944 von amerikanischen Soldaten und in den vergangenen fünfzig Jahren von Angehörigen des Militärs getragen wurden. Bei Chanel verliehen die Stiefel praktisch jedem Outfit den letzten Feinschliff, einschließlich eines Netzcapes in metallischem Silber, einer leuchtenden Tweedjacke im Hahnentrittmuster, die zu Wollhosen getragen wurde, und einer spannenden Kombination aus einem bestickten schwarzen Mikrokleid und einer Steppjacke sowie dunkelgrauen Leggings, die inmitten „knöchellanger Tücher“ verschwanden!

Eine andere ungewöhnliche Kombination: herrliche Miniboleros aus Tweed mit ausgefallenen Knöpfen, die über sehr strengen schwarzen Jacken mit anthrazitgrauen Wollhosen und derben bronzegrünen Schuhen getragen wurden. Nicht zu vergessen die luxuriöse Jacke in Aquamarin, deren Pailletten eine Spur von lässigem Luxus auf einem Paar japanisch anmutender Hosen hinterlassen, kombiniert wird das Outfit mit abendlichen Springerstiefeln, die der Gesamtwirkung des Styles vollständig entgegenstehen.

Ziel ist es hier, Stilrichtungen zu durchbrechen und das Publikum zu überraschen... anders gesagt, einen permanenten revolutionären Zustand aufrechtzuerhalten. Auch das andere Leitmotiv der Kollektion überzeugte vollends: die Jumpsuits waren bereit, es mit verschneiten Pisten, Geländestrecken oder Stadtstraßen aufzunehmen. Unser Lieblingsoutfit präsentierte Caroline de Maigret: schwarz, mit Pailletten besetzt und sexy Reißverschlüssen an Schultern und Ausschnitt.
Nie zuvor nahm eine Prêt-à-Porter-Kollektion von Chanel so starken Bezug auf die Arbeitswelt und die Straße. Gefallen haben uns auch die Strickwaren und die zwei langen, lässig-schicken, graumelierten Kleider mit den ausgefallenen Knöpfen, die sehr bequem und beruhigend wirkten, und mit der Schuhvariante von Chanel kombiniert wurden.

Kleine, runde Taschen in Schwarz und Weiß wurden wie Schlagringe auf dem Handrücken getragen. Hier und da blitzte ein unverhüllter Knöchel hervor, der die weit geschnittenen Hosen mit Stulpen schlicht betonte. Die abendlichen Jumpsuits wirkten mit ihren Spitzendetails und Lochmustern weitaus raffinierter. Ihr Design baut eine Spannung zwischen dem Sichtbarem und dem in der Vorstellungskraft des Betrachters Liegenden auf und bedient sich so einer grundlegenden Regel der Verführungskunst. Der in dieser Kollektion triumphierende Look – definitiv antibürgerlich und der Vorstellung von „geschniegelt und gestriegelt“ völlig entgegengesetzt – besticht durch seine Individualität, seinen Rock 'n' Roll und sein Sexappeal.

Sehen Sie sich die komplette Show auf chanel.com an

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